Schatten

Dr. Anette Naumann in der Eröffnungsrede zur Ausstellung im Haus der Wissenschaft, Bremen 2012

Der Schattenwurf von Gegenständen ist ein Vorgang in der Natur, der durch die Gesetze der Optik präzise beschrieben und in Grenzen auch vorausberechnet werden kann. Man kennt die Bedingungen, von denen er abhängig ist, doch umgekehrt ist es nicht möglich, von einem Schatten auf die Beschaffenheit des Objekts rückzuschließen. Genau dazu wird man jedoch verleitet angesichts der Fotografien von Anne Baisch, die sie wie eine Versuchsanordnung inszeniert. Filigrane Papier- und Metall Skulpturen werden von einer punktförmigen Lichtquelle beleuchtet, die je nach Ausrichtung den Schattenwurf auf drastische Weise verändert. Auch wenn die räumliche Positionierung ihrer Objekte logisch zu erschließen ist, bleiben die projizierten Schatten rätselhaft und geheimnisvoll. Ihre aus der Fläche geborenen Skulpturen treten durch aufgebogene Einschnitte in die Räumlichkeit ein. In den Schattenfotografien wird diese Körperhaftigkeit jedoch wieder verunklärt, indem Objekt und Schlagschatten einander ähnlich werden, ihre Rollen vertauschen. Was ist Ursache, was ist Wirkung? Wer ist das handelnde Subjekt, wer lebt in Abhängigkeit? Der an sich weniger als das Objekt aussagende Schatten wird hier zum eigentlichen Akteur, zum ausdrucksstarken Gegenspieler, der ein Eigenleben führt. In der stringenten Abstraktion der Form werden die literarisch-psychologischen Konnotationen des Doppelgänger-Motivs auf expressive Weise mit anschaulich.